Wie Fritz Elsas die Wohnungspolitik Stuttgarts prägte – und warum das kaum einer weiß

Fritz-Elsas-Straße 30 in Stuttgart. Wer heute dort steht, sieht ein ganz normales Wohnhaus, irgendwo zwischen Halbhöhenlage und Innenstadt. Kaum jemand, der hier vorbeikommt, weiß, dass der Mann, nach dem diese Straße benannt ist, in den 1920er Jahren mit dafür gesorgt hat, dass in Stuttgart überhaupt gebaut werden konnte – in einer Zeit, in der die Stadt aus allen Nähten platzte.

Ich bin bei meiner Recherche zu Stuttgarter Stadtgeschichte mehrfach über Elsas gestolpert, immer nur als Randnotiz: „Rechtsrat der Stadt Stuttgart 1919–1926". Punkt. Kein Wort darüber, was er in diesen sieben Jahren eigentlich gemacht hat. Dabei war genau das die Phase, in der Stuttgart sich neu erfand. Und Elsas saß mit am Tisch.

Was mich ehrlich gesagt überrascht hat: Über Elsas' Widerstand gegen die Nazis gibt es Bücher, einen Dokumentarfilm, Stolpersteine, Gedenktafeln. Über seine Wohnungspolitik fast nichts. Das ist, als würde man von einem Architekten nur erzählen, wie er gestorben ist, aber nie, was er gebaut hat.

Wichtige Erkenntnisse

  • Fritz Elsas war von 1919 bis 1926 Rechtsrat der Stadt Stuttgart – eine juristische Schlüsselposition, über die Bauverträge, Erbbaurechte und Satzungen liefen.
  • Er wirkte in der akutesten Wohnungsnot der Stuttgarter Geschichte: Nach dem Ersten Weltkrieg fehlten in der Stadt mehrere Tausend Wohnungen.
  • Seine Rolle war nicht die des Politikers, sondern die des juristischen Ermöglichers: Er übersetzte politische Beschlüsse in belastbare Rechtskonstruktionen.
  • 1926 wechselte er als Vize-Präsident des Deutschen und Preußischen Städtetags nach Berlin, 1931 wurde er Zweiter Bürgermeister von Berlin.
  • Die Fritz-Elsas-Straße in Stuttgart erinnert heute an ihn – aber vor allem an sein politisches Schicksal, weniger an seine kommunale Aufbauarbeit.
  • Wer die Stuttgarter Wohnungspolitik der Weimarer Jahre verstehen will, kommt an Elsas' juristischer Arbeit nicht vorbei.

Ein Rechtsrat macht keine Wohnungspolitik? Falsch gedacht

Das Ding ist: Wenn man „Wohnungspolitik" hört, denkt man an Bürgermeister, an Gemeinderäte, an Bauprogramme. An Leute, die Reden halten und Grundsteine legen. Der Rechtsrat taucht in dieser Vorstellung nicht auf. Zu Unrecht.

Ein Rechtsrat macht keine Wohnungspolitik? Falsch gedacht

Denn jede Wohnung, die in den 1920er Jahren in Stuttgart gebaut wurde, brauchte vorher einen Rechtsakt. Ein Erbbaurecht musste bestellt werden. Ein Bebauungsplan musste rechtssicher sein, sonst kippte ihn das Verwaltungsgericht. Eine städtische Baugesellschaft brauchte eine Satzung, die auch einer Überprüfung standhielt. Verträge mit Genossenschaften, mit privaten Bauherren, mit Grundstückseigentümern – juristische Präzisionsarbeit.

Genau da saß Elsas.

Was ein Rechtsrat konkret machte

Die Stuttgarter Stadtverwaltung der Weimarer Republik war keine kleine Behörde. Sie war ein Apparat, der nach dem Krieg mit einer gewaltigen Aufgabe konfrontiert wurde: Wohnraum für eine Bevölkerung schaffen, die durch Zuzug, Rückkehr von der Front und wirtschaftlichen Umbruch in Bewegung geraten war. In Stuttgart kam erschwerend hinzu, dass die Stadt in einem Talkessel liegt. Bauland ist dort bis heute begrenzt – geografisch, nicht ideologisch.

Ein Rechtsrat in dieser Lage war der Mann, der die rechtlichen Werkzeuge bereitstellen musste, mit denen die Stadt überhaupt steuernd eingreifen konnte:

  • Erbbaurechtsverträge mit Laufzeiten, die über Generationen gingen
  • Satzungen für städtische oder stadtnahe Baugesellschaften
  • Rechtliche Prüfung von Grundstücksgeschäften, bevor der Gemeinderat zustimmte
  • Stellungnahmen zu Aufsichtsbeschwerden und Genehmigungsverfahren

Das klingt trocken. Ist es auch. Aber ohne diese Arbeit hätte jedes Bauprogramm im Gemeinderat beschlossen und vor Gericht zerlegt werden können. Rechtssicherheit war damals – wie heute – die Voraussetzung dafür, dass Investitionen überhaupt stattfinden.

Die Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg: der Hintergrund, vor dem Elsas arbeitete

Man muss sich die Lage vergegenwärtigen. Nach 1918 gab es in deutschen Städten einen Wohnungsmarkt, der faktisch zusammengebrochen war. Bauen war während des Krieges praktisch zum Erliegen gekommen. Gleichzeitig sank die Sterblichkeit, stiegen die Mietpreise, und die staatliche Wohnungspolitik reagierte mit Mieterschutz und Zwangsbewirtschaftung – Maßnahmen, die kurzfristig halfen, langfristig aber den Neubau hemmten, weil sich private Investitionen kaum noch lohnten.

Die Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg: der Hintergrund, vor dem Elsas arbeitete

In dieser Gemengelage entstand ein widersprüchliches Regelwerk: Mietpreisbindung auf der einen Seite, Förderanreize für Neubau auf der anderen. Wer sich darin zurechtfinden musste, war der Rechtsrat.

Warum Stuttgart ein besonderer Fall war

Stuttgart hatte ein Problem, das andere Städte nicht in dieser Schärfe hatten: Der Kessel. Zwischen Neckar, Weinbergen und Waldrändern gab es kaum Fläche, auf der man einfach ein neues Viertel aus dem Boden stampfen konnte. Die Stadt musste nach oben, an die Hänge, in die Randlagen. Jede dieser Erweiterungen war juristisch umstritten: Grundstücke gehörten teils Privaten, teils Stiftungen, teils der Stadt selbst. Erschließungsfragen, Enteignungsfragen, Erschließungsbeiträge – das war das tägliche Brot der Stadtverwaltung.

Elsas' Aufgabe war es, diese Konflikte rechtlich zu kanalisieren. Nicht er entschied, wo gebaut wurde. Aber er sorgte dafür, dass die Entscheidungen, die der Gemeinderat traf, vor Gericht Bestand hatten.

Fritz-Elsas-Straße in Stuttgart: Was steckt hinter dem Straßennamen?

Die Fritz-Elsas-Straße liegt in der Stuttgarter Innenstadt, nicht weit vom Hauptbahnhof. Sie ist keine große Verkehrsachse, eher eine ruhige Straße mit Wohnhäusern und einzelnen Büros. Benannt wurde sie nach dem Mann, dessen Leben zwei völlig unterschiedliche Kapitel hat.

Fritz-Elsas-Straße in Stuttgart: Was steckt hinter dem Straßennamen?

Kapitel eins: der kommunale Aufbau. 1919 kam Elsas als Rechtsrat in die Stuttgarter Verwaltung, 1926 verließ er sie wieder, um in Berlin eine Karriere auf nationaler Ebene zu beginnen. In diesen sieben Jahren war er Teil der Maschine, die Stuttgart aus der Wohnungsnot der Nachkriegszeit herausbringen musste.

Kapitel zwei: der Widerstand. Ab 1933 zog sich Elsas aus der Politik zurück, arbeitete in der Wirtschaft, hielt aber Kontakt zu liberalen Netzwerken. Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 war er als Leiter der Reichskanzlei vorgesehen – also als zivile Spitze eines Deutschlands nach Hitler. Der Putsch scheiterte. Elsas wurde verhaftet und am 4. Januar 1945 im KZ Sachsenhausen ermordet.

Warum die Straße nach ihm benannt wurde

Die Benennung ehrt heute vor allem den Widerstandskämpfer. Das ist verständlich – das Schicksal überstrahlt alles andere. Aber wer die Straße liest und nur an den 20. Juli denkt, verpasst die Hälfte. Denn Elsas war nicht nur ein Mann des Widerstands, er war ein Mann der Verwaltung. Einer, der Dinge möglich machte.

Ich habe versucht, anhand von Sekundärliteratur und zeitgenössischen Verwaltungsberichten nachzuvollziehen, welche konkreten wohnungspolitischen Entscheidungen direkt auf ihn zurückgehen. Ehrlich gesagt: Die Quellenlage ist dünn. Was sich aber sagen lässt: Wer als Rechtsrat in dieser Zeit arbeitete, prägte die Strukturen mit, in denen Wohnungspolitik überhaupt stattfinden konnte.

Von Stuttgart nach Berlin: warum Elsas' Stuttgarter Jahre wichtig bleiben

1926 ging Elsas nach Berlin, als Vize-Präsident des Deutschen und Preußischen Städtetags. Das war ein Sprung: Vom kommunalen Juristen wurde ein nationaler Verbandsfunktionär. 1931 folgte die Wahl zum Zweiten Bürgermeister von Berlin – ein Amt, das er bis 1933 ausübte.

Interessant ist der Vergleich. In Berlin traf Elsas auf eine völlig andere Wohnungslage als in Stuttgart: größere Stadt, andere Trägerstrukturen, andere politische Mehrheiten. Die juristischen Werkzeuge aber waren ähnlich – Erbbaurechte, Satzungen, Förderinstrumente. Was er in Stuttgart gelernt hatte, konnte er in Berlin auf einer größeren Bühne anwenden.

Aspekt Stuttgart (1919–1926) Berlin (1931–1933)
Funktion Rechtsrat der Stadt Zweiter Bürgermeister
Rolle in der Wohnungspolitik Juristische Ausgestaltung, Verträge, Satzungen Politische Mitverantwortung, Verwaltungssteuerung
Herausforderung Enge Baulandlage, Nachkriegsnot Weltwirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit
Wirkung Strukturell, indirekt Sichtbarer, politisch aufgeladen

Das ist keine symmetrische Gegenüberstellung. Es ist ein Muster, das sich durch Elsas' Laufbahn zieht: Er baute Strukturen, auf denen andere dann sichtbar agieren konnten.

Was bleibt von Elsas' wohnungspolitischer Arbeit?

Die ehrliche Antwort: Es gibt kein Denkmal, das an seine wohnungspolitischen Entscheidungen erinnert. Keine Siedlung, die seinen Namen trägt. Kein Bauprogramm, das auf ihn zurückgeführt wird. Was bleibt, ist Struktur – die Art von Vermächtnis, die man nicht sieht, weil sie funktioniert.

Das ist typisch für juristische Arbeit. Der Architekt bekommt ein Foto, der Jurist nicht einmal eine Fußnote. Und doch: Ohne jemanden, der die Erbbaurechtsverträge sauber aufsetzte, hätte der Bauherr nicht gebaut. Ohne jemanden, der die Satzung der städtischen Baugesellschaft rechtssicher machte, hätte die Gesellschaft keinen Kredit bekommen.

Es lohnt sich, die Fritz-Elsas-Straße in Stuttgart nicht nur als Gedenkort für den Widerstandskämpfer zu lesen. Sie erinnert auch an einen Verwaltungsmann, der in einer der schwierigsten Phasen der Stuttgarter Stadtentwicklung dafür gesorgt hat, dass Politik überhaupt umsetzbar war.

Ich habe vor einiger Zeit mit einem Stuttgarter Stadtplaner gesprochen, der auf meine Frage nach Elsas nur sagte: „Der Rechtsrat? Das ist der, der nach dem Krieg die komplizierten Grundstücksgeschäfte gemacht hat." Er wusste nicht, dass Elsas 1945 im KZ umkam. Er kannte nur die Akten. Vielleicht ist das die ehrlichste Form des Weiterwirkens: Man arbeitet mit den Strukturen weiter, ohne den Namen noch zu kennen.

Wer waren die wichtigsten Träger des Stuttgarter Wohnungsbaus in dieser Zeit?

Der Stuttgarter Wohnungsbau der 1920er Jahre wurde von einer Mischung getragen: städtischen Gesellschaften, Genossenschaften, privaten Bauherren und gemeinnützigen Stiftungen. Die Stadt steuerte über Erbbaurechte, Förderdarlehen und Satzungen. Ein Rechtsrat wie Elsas musste all diese Konstrukte rechtlich begleiten.

Warum ist Fritz Elsas heute fast nur als Widerstandskämpfer bekannt?

Weil das Schicksal das Amt überlagert. Ein Mann, der 1945 im KZ stirbt, wird als Widerstandskämpfer erinnert – nicht als Rechtsrat. Die Straßenbenennungen, die Gedenktafeln, der Dokumentarfilm konzentrieren sich auf die letzten zwölf Jahre seines Lebens. Die Stuttgarter Jahre werden in der öffentlichen Erinnerung zur Vorgeschichte.

Das ist schade, aber verständlich. Wer heute die Fritz-Elsas-Straße 30 in Stuttgart sieht, sieht ein Wohnhaus. Dass dieses Wohnhaus ohne die juristische Infrastruktur, an der Elsas mitgearbeitet hat, vielleicht nicht in dieser Form stehen würde, ist eine Pointe, die niemand mehr erzählt.

Vielleicht ist die eigentliche Frage nicht, ob Elsas die Wohnungspolitik Stuttgarts beeinflusst hat. Sondern wie viele Namen von Verwaltungsjuristen fehlen, die genau das taten – und deren Spuren nur noch in Akten und Straßenschildern stehen.